Einzelfallhelfer an Frau Bluhm
Sehr geehrte Frau Senatorin Bluhm!
Durch einen „Offenen Brief“, der Sie von vielen EinzelfallhelferInnen erreicht hat, dürften Sie bereits Kenntnis über die Reaktionen und die Entrüstung erhalten haben, die durch Überlegungen hervorgerufen wurden, Trägermodelle der EFH (Tempelhof-Schöneberg) abzuschaffen und die Honorare auf symbolische Beträge einzuschrumpfen.
In der Einzelfallhilfe – die irgendwann einmal eine studentische Beschäftigung oder ein Gelegenheitsjob für jedermann gewesen sein mag – ist es seit Jahren üblich, Leute mit Abschlüssen in Psychologie, Sozialpädagogik, therapeutischen Ausbildungen und einschlägigen Berufserfahrungen als Helfer zu beschäftigen. Im Honorarmodell wieder auf das Honorarniveau einer studentischen Beschäftigung zu fallen, ist für diese Berufsgruppen nicht nur unwürdig und eine Aberkennung der Qualität ihrer Arbeit: es würde die EFH wieder entprofessionalisieren und zu einem Studentenjob / einer prekären Tätigkeit werden lassen, mit entsprechenden Konsequenzen für Klienten und Helfer.
Noch wesentlicher erscheint mir als Einzelfallhelfer die Bedrohung des für mich noch geltenden Trägermodells: Selbst bei gleich bleibenden Honoraren ist das Berufsbild und die Tätigkeit der Einzelfallhilfe in der jetzigen Qualität nicht fortführbar, wenn diese nicht durch die zugleich adaptiven und dabei kontinuierlichen Strukturen der Träger gestützt und sinnhaft gefördert werden. Dies geschieht auf zumindest dreierlei Weise:
- Auf informellen Kanälen findet über Trägerstrukturen (Emailverteiler; Kleingruppen; Großgruppen) Erfahrungsaustausch von Helfern verschiedenster Profession statt. Wichtige Infos werden online gespeichert und stehen allen Beteiligten zur Verfügung.
- Die Trägerleitung vermittelt passende HelferInnen für den individuellen Bedarf der KlientInnen, stellt Räume für Offene Angebote zur Verfügung, sorgt vor allem für Standardisierung, Qualität, Vernetzung und damit Kontinuität.
- Schließlich ist die institutionelle Unterstützung und der Rückhalt des Trägers nach außen sehr wichtig: besonders im Umgang mit dem Jobcenter und Kliniken tritt der EFH nicht als nebulöse Einzelkämpfergestalt an der Seite des Klienten auf, sondern hat – im Konfliktfall – Rückhalt durch den Träger.
Anders als die rein therapeutische Arbeit basiert die Einzelfallarbeit auf starken lebensweltlichen Einlassungen, welche die betroffenen Helfer nur dann leisten können, wenn sie von stabilen Trägerstrukturen ausgehen und zu ihnen zurückkehren können.
Ich fordere Sie daher noch einmal ganz ausdrücklich auf, das Trägermodell für ganz Berlin zu prüfen.
Berlin, im November 2009
Dipl. Psych. Dieter Treu, freiberuflicher Einzelfallhelfer im Trägermodell
Druckversion: Brief an Frau Bluhm